Zum Konzert am 4. Mai 1959 in Köln

Kölnische Rundschau, 6. Mai 1959

Eine moderne "Schöpfung"

Fortners "The Creation" und Bruckners Neunte im Gürzenichkonzert

[...]

Wer das Werk seit der Uraufführung im Jahre 1955 mehrfach zu hören Gelegenheit

hatte, der erlebte nun seine bisher eindrucksvollste Wiedergabe in der klaren, beherrschten, ebenso durchsichtigen wie nervös gespannten Interpretation Günter Wands. Wand hat sich mit Nachdruck seit Jahren für das Schaffen Fortners eingesetzt. Ohne Einschränkung darf er heute der beste Fortner-Dirigent genannt werden. Dieser bedeutsame und schon verloren geglaubte Zusammenhang wäre durch die Variante des Schillerwortes zu erhärten, daß auf der Menschheit Höhen der Dirigent soll mit dem Komponisten gehen.

Daß auch der Sänger mit ihm geht, bestätigte ebenso eindringlich der Solist Dietrich Fischer-Dieskau, der schon bei der Baseler Uraufführung unter Paul Sacher mitgewirkt hat: ein stimmgewaltiger Bariton-Prediger von glühendem Pathos des Ausdrucks und vollendeter Schönheit im Gesanglichen. Das Werk ist für das Publikum nicht gerade leicht zu verstehen, aber unschätzbar bleibt der Gewinn, wenn Musiker solcher Qualität (dazu gehört auch das Gürzenich-Orchester) sich autoritativ und mit aller Überzeugungskraft vor das Werk stellen.

[...]

E.


unbekannte Presse

Wolfgang Fortners Kantate "The Creation", die voranging, steht in einer anderen Welt. Des Negerdichters James Weldon Johnson lyrische Nacherzählung der Schöpfungsgeschichte ist der Text, eine naiv-ergreifende Verherrlichung Gottes, der das Licht, die Erde und das Meer, die Tiere und den Menschen machte. Trommelrhythmen, Reminiszenzen der Negermusik, klingen in die zwölftönige durch expressiven Streicherklang und herbe Akkordballungen charakterisierte Musik hinein, die mit einem liegenden sechstönigen Klang, wie in der Ruhe des Chaos, anhebt, sich ohne tonmalende Konzessionen nach ihrem eigenen Gesetz entwickelt und mit einem begeisterten, von der isorhythmischen Technik der Ars nova inspirierten Amen-Satz endet. Eine Baritonstimme, in frei deklamatorischem Melos geführt, ist Träger des Wortes: Dietrich Fischer-Dieskau sang den Part in originaler Sprache mit einer lyrischen Inbrunst, die ein Negersänger nicht hätte überbieten können, und zugleich mit der Bewußtheit reifer Kultur.

 

zurück zur Übersicht