Zum Liederabend am 24. April 1959 in Frankfurt

FAZ, 6. Juni 1959 

Fischer-Dieskau

singt "Die schöne Müllerin"

Neues zum Preise des Liedersängers Fischer-Dieskau zu sagen, ist kaum noch möglich. Er bringt es fertig, in der ganzen Welt Auditorien, die nach Tausenden zählen, in den Bann des diffizielsten aller muskalischen Gebilde, des Liedes, zu ziehen, und das, wie etwa jetzt in Frankfurt, in einem Saale, der für Festlichkeiten, aber nicht für Konzerte geschaffen ist. Die Konzentrationsfähigkeit des Künstlers in dem kalten, spiegelnden Licht war bewundernswert. Die Versenkung in die bittersüße Poesie von Schuberts Liederkreis "Die schöne Müllerin" gelang ihm vollkommen. Die volkstümelnde Geziertheit der Verse wurde dem Hörer so wenig mehr bewußt wie die Umgebung, die so gar nicht dazu paßte: Schuberts Genie war gegenwärtig, und der Sänger war sein dienender, nicht sein selbstherrlicher Interpret.

Es ist kaum vorstellbar, daß die Meisterschaft, mit der Dietrich Fischer-Dieskau in diesen Liedern den Wortsinn in Klang verwandelt, sich noch übertreffen ließe. Die Artikulation, von soviel Intelligenz diktiert, verliert sich zugleich nie ins Manierierte. Sie unterwirft sich der musikalischen Aussage und ist dabei wie etwa in dem populären "Ich schnitt’ es gern in alle Rinden ein" von äußerster Zurückhaltung. Musikalischer und literarischer Geschmack halten sich die Waage, und es ist fesselnd zu beobachten, wie die Nuancen des sprachlichen und des musikalischen Ausdrucks sich bei dem Sänger immer mehr verfeinern, ohne die Spontaneität der Wiedergabe zu beeinträchtigen.

Ohne Unterbrechung dargeboten, waren so die Müller-Lieder eine bewegende Lektion von dem kleinen menschlichen Glück und seinem großen Unglück und von der im Bereich des Liedes nur Schubert eigenen Gabe, im klingenden Wort die Seligkeit durch den Schleier der Tränen spürbar zu machen.

Die Begleitung des ausgezeichneten Günther Weißenborn litt im Festsaal des Frankfurter Zoos unter den Tücken der Akustik: Sie wirkte, was sie gewiß nicht war, mitunter trocken und hart. Wann endlich wird diese Stadt einen akzeptablen Konzertsaal haben?

Hildegard Weber

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