Zum Liederabend am 18. April 1959 in München

     Aus dem Buch "Erlebte Musik – Teil 1" von Joachim Kaiser     

    vom 20. April 1959

Die schöne Müllerin

     

Wenn Dietrich Fischer-Dieskau Schuberts Liederzyklus von der "Schönen Müllerin" singt, dann erlebt auch der kritischste Kritiker etwas, wonach er sich meist nur vergeblich und heimlich sehnen darf: Entwaffnung. Endlich kann er rückhaltlos bewundern.

Fischer-Dieskau sang den Zyklus ohne Unterbrechung – die "Pause" erscheint ja als 12. Lied leibhaftig auskomponiert -, ohne jede Intonationstrübung, auswendig, musikalisch und deklamatorisch gleich souverän. Er vermied es durchaus, dramatische Höhepunkte opernhaft überschwenglich darzubieten oder irgendwelche Einzelheiten effektvoll aus dem künstlerischen Zusammenhang herauszubrechen, wozu ihn seine fast unglaubliche, jede Nuance mühelos meisternde Gesangstechnik gewiß verleiten könnte. Nur manchmal tönte er einzelne Strophen virtuos gegeneinander ab, indem er die Kontraste von Wilhelm Müllers bildkräftigen Texten gut gelaunt unterstrich. Gleichwohl hatte man fast nie den Eindruck interpretatorischer Willkür. Seine "Schöne Müllerin" ist exemplarisch, weil hier ein Sänger alle Kunst dem Ganzen des Schubertschen Kosmos unterordnet.

"Das Wandern ist des Müllers Lust" war hier kein knalliger, pseudopopulärer Beginn, sondern ein harmlos heiterer, flüchtig rascher Anfang: Noch ahnte niemand etwas von den Abgründen, auf die dieser Wanderer zuschritt. Im "Wohin?" trübte sich die lebensfreundliche Harmlosigkeit dann ein wenig – Fischer-Dieskau legte in den vom Rauschen berauschten Sinn des Müllerburschen eine leise Ahnung von Differenziertheit und Leidensfähigkeit. Dann erzählte uns jener Müller, sich immer mehr verstrickend, die Liebesgeschichte. Es ist unmöglich, die Fülle der ausdrucksvollen Einzelheiten zu beschreiben, etwa die großartig einleuchtende Pause, über die fast alle anderen hinwegsingen: "sag – Bächlein, liebt sie mich?" aus dem "Neugierigen", in deren Zehntelsekunde die Ewigkeit einer Erwartung liegt, oder den gerade nicht jubelnden, sondern eher scheuen und glücksbefangenen letzten Vers der "Ungeduld", die, so gesungen, keineswegs mehr als Solistenreißer in flotte Wunschkonzerte gehört, sondern nur noch in diese Leidensgeschichte. Nach einer solchen Vorbereitung konnte der düstere zweite Teil des Zyklus mit einer Gewalt wirken, die Genrehaftes, Sentimentales, Biedermeierseliges ausschloß. Die Wildheit der Eifersucht, die im Wiederholungszwang immer wieder geflüsterte Vision vom Selbstmord, an die der Unglückliche sich klammert – alles das gab dem Zyklus die oft geraubte Größe wieder. "Die liebe Farbe", ein Lied, dessen traurig bohrender Pianissimo-Eindringlichkeit kaum etwas an die Seite gestellt werden kann, wurde zum melancholischen Höhepunkt des Abends, "Des Baches Wiegenlied" zum Ausdruck wahnsinnigen Schmerzes.

 

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