Donnerstag, 3. April 1975, Liederhalle Stuttgart, Beethovensaal.

 Lieder nach Gedichten von Joseph von Eichendorff

Dietrich Fischer-Dieskau 
Pianist: Günther Weißenborn

F. Meldelssohn-Bartholdy (1809-1847)
Das Waldschloß, op. posth.
Nachtlied, op.71/6
Pagenlied, op. posth.

  Robert Schumann (1810-1856)
In der Fremde, op. 39/1
Schöne Fremde, op. 39/6
Zwielicht, op. 39/10
Im Walde, op.39/11
Der Einsiedler, op. 83/3

Hans Pfitzner (1869-1949)
Im Herbst, op. 9/3
Lockung, op.7/4
In Danzig, op. 22/1
Der verspätete Wanderer op. 41/2
Nachts, op. 26/2

Bruno Walter (1876-1962)
Der Soldat
Der junge Ehemann

Reinhard Schwarz-Schilling (* 1904)
Kurze Fahrt
Marienlied
Bist du manchmal auch verstimmt

 Hugo Wolf (1860-1903)
In der Fremde
Nachtzauber
Der Musikant
Nachruf
Seemanns Abschied

  Zugaben

Intermezzo, (Dein Bildnis wunderselig), (Schumann)
Der Herbstwind schüttelt die Linde (Pfitzner)
Über Wipfeln und Saaten (Wolf)
Wer in die Fremde will wandern (Wolf)
Mondnacht (Schumann)
 

Text im Programm-Heft von Dietrich Fischer-Dieskau

Unerklärbar, aber niemals unklar sprechen die Gedichte des Joseph Freiherrn von Eichendorff heute wie ehedem zu uns. Als sie wahrhaft volksliednahe in Mendelssohns Liedern und Chören zuerst von Mund zu Mund gingen, wußten vom Dichter nur wenige. Unmittelbar nach den Befreiungskriegen, an denen Eichendorff teilnahm, machte sich in der Literatur ein Gefühl des Nachläufertums drückend fühlbar. Auf Eichendorff traf dies nicht zu. Wenn Heine urteilend von der "kristallhaften Klarheit" der Gebilde Eichendorffs spricht, so meint er damit auch des Dichters Beschränkung auf wenige stilistische Wortmittel gegenüber der Vokabelfülle bei den Zeitgenossen.

Eichendorff ließ erst, als er 38 Jahre alt war, seinem Roman "Ahnung und Gegenwart" die erste Sammlung von Liedern folgen. Aber schon 1819 hatte seine Novelle "Das Marmorbild" das Motiv des Konflikts zwischen Sinnlichkeit und Frömmigkeit durch großen Stimmungs- und Farbenreiz italienischer Landschaftsschilderung angereichert. Nach den Wundern Italiens weist auch "Aus dem Leben eines Taugenichts". Im Grunde spiegelt seine gesamte lyrische Produktion freilich die Schönheit der Jugendumgebung, des Lebens auf dem Schloß Lubowitz bei Ratibor in Oberschlesien wider, wo er 1788 geboren wurde.

Eichendorff bewährte sich später als Regierungsrat in Danzig und Königsberg und erwarb sich um den Ausbau der Marienburg Verdienste. In einer Reihe literaturgeschichtlicher Arbeiten hat er aus katholischer Sicht die Geschichte des deutschen Romans und Dramas, besonders der romantischen Bewegung dargestellt, auch von Calderons religiösen Dramen erste, ausgezeichnete Obersetzungen geliefert. Aber was immer auf den wissenschaftlichen Arbeiten an Staub liegen mag, seine Lieder blieben davon unberührt. Man mag Claudius und Goethe, mehr noch die Volkslieder aus des "Knaben Wunderhorn" als seine Vorbilder anführen, eigentlicher Anreger blieb das Rauschen der Wälder seiner heimatlichen Berge. Die Musikalität, die in seinen Gedichten schwingt, drückte sich in starkem Musikinteresse der Jugendjahre aus, das später zurücktrat.

Mit Mendelssohn verkehrte Eichendorff im Berlin der dreißiger Jahre des Jahrhunderts. Aus einem Brief Clara Schumanns 1847 aus Wien entnehmen wir, daß der Dichter mit dem Ehepaar Schumann bekannt geworden war. Claras Tagebuch zufolge besuchte dann Eichendorff mit seinen Kindern eine Matinee im Schumannschen Hause. "Er sagte mir, Robert habe seinen Liedern erst Leben gegeben, ich erwiderte aber, daß seine Gedichte erst der Komposition das Leben gegeben." Eine kurze Begegnung mit Peter Cornelius sollte vor dem Tode 1857 folgen.

Zwar ist Eichendorffs Sprache schon in sich Musik, sie macht aber den Musiker nicht etwa unnötig, sie regt vielmehr dazu an, aus der Wortmusik reichere Klanggestalt zu gewinnen, bis in unsere Tage. Eichendorff fand für das Beglänzte, an den Traum Verlorene, das Schweifende eine Melodie, ein Maß. Er machte sich den "frommen Ernst im reichen Leben" zueigen und mit ihm die Freudigkeit. Oft drängt sich ihm das akustische statt des näherliegenden optischen Bezeichnens auf. ("Obern Garten hör ich Wandervögel ziehn"). Er wählt eine Fülle allegorischer Übertragungen in musikalisches Gebiet. (" Von den Bergen sacht hernieder, weckend die uralten Lieder, steigt die wunderbare Nacht"). Bei Eichendorff singt und klingt es allenthalben, sein Orchester ist reich. An der Spitze steht das Waldhorn der Romantik, nicht wie im Barock als Standeszeichen fürstlicher Jäger, sondern als Klang gewordener Waldesatem. ("Jäger ziehn im Wald und blasen").

Gelegentlich tritt das Posthorn an die Stelle. ("Posthorn, wie so keck und fröhlich"). Die Laute ist ihm Inbegriff der Poesie des Abends. ("Du liebe, treue Laute"). Faszinierend wirkt auf ihn der Glockenton, dessen Obertonreichtum die genauen Tonhöhen schwer feststellen läßt. (."Von fern nur schlagen die Glocken über die Wälder herein"). Der Türmer in Danzig gehört gleichsam dazu. ("Und der Türmer wie vor Jahren singet ein uraltes Lied"). Ungewisses Tönen der Natur verdichtet sich dem Dichter zu sichtbaren Gestalten. ("Die schönen Waldfrauen sitzen und singen im Wind ihr Lied"). Den Musikantenstand versetzt er gern in eine ideale Landschaft. Er sieht in ihm den alten Vaganten, unstet gegenüber der Seßhaftigkeit, so daß er ihn zu der Heiratslüsternen sagen läßt: " Wenn wir zwei zusammen wären, möcht' mein Singen mir vergehn." Der wandernde Musikant spricht zumeist in Ich-Form: "Ging ich mit der Mandoline durch die überglänzte Au." Eichendorff verdanken wir das Zauberwort an das Lied in den Dingen, die da fort und fort träumen: .Und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort. "

DIETRICH FISCHER-DIESKAU

  

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