Dienstag, 10. Mai 1966, 20.00 Uhr, Stuttgarter Liederhalle - Beethovensaal,

    Dietrich Fischer-Dieskau
Pianist: Günther Weißenborn

    

Beethoven-Liederabend


Ludwig van Beethoven (1770-1827)

  Arietta: In questa tomba oscura (Carpani)
An die Hoffnung, op.94 (Aus Tiedges Urania)

Sechs Lieder nach Gedichten von Gellert, op. 48

Bitten. 
Die Liebe des Nächsten
Vom Tode
Die Ehre Gottes aus der Natur
Gottes Macht und Vorsehung
Bußlied
 

An die ferne Geliebte, op. 98 (Jeitteles)

Auf dem Hügel sitz ich spähend
Diese Wolken in den Höhen
Wo die Berge so blau
Es kehret der Maien
Leichte Segler in den Höhen
Nimm sie hin denn diese Lieder

Der Wachtelschlag (Sauter)
Adelaide, op. 46 (Matthisson)
Wonne der Wehmut, op.83, Nr. 1 (Goethe)
Mailied, op.52, Nr. 4, (Goethe)
Sehnsucht, op. 83, Nr. 2 (Goethe)
Neue Liebe, neues Leben, op. 75, Nr. 2 (Goethe)
Mephistos Flohlied, op. 75, Nr. 3 (Goethe).

    

Text im Programm-Heft, von Dietrich Fischer-Dieskau

Randnotizen zum Thema Beethoven-Lied.

Seltsamerweise gilt es auch unter vielen Musikern als ausgemacht, Ludwig van Beethovens Lieder führten ein Schattendasein am Rande des sonst aus so viel Gewichtigerem zusammengesetzten Oeuvre. Allenfalls macht man mit "An die entfernte Geliebte" eine Ausnahme. Tatsache dagegen ist, daß die recht zahlreichen Lieder an den wichtigsten, neuerungsträchtigen Stellen über das gesamte Schaffen verstreut zu finden sind. Dabei handelt es, sieht man von einigen nachträglich, zu entdeckerfreudig veröffentlichten Nichtigkeiten ab, sich nicht um irgendwelche Gelegenheitsarbeiten, nicht einmal um Aufträge, wie das sonst fast generell bei Beethoven festzustellen ist. Die dicken Bände mit Bearbeitungen englischer und schottischer Volkslieder, sozusagen eine Freizeitbeschäftigung während einer Kompositionslücke, dürfen als Auftragserfüllung aus Dankbarkeit gegen die ihn unterstützenden Briten am Rande erwähnt werden.

In welcher Form Beethoven sich auch äußerte, Hingabe an die Idee ist für sein Werk bezeichnend. Der gelegentlich zitierte Ausspruch "Im schreibe ungern Lieder" wurde im Zusammenhang mit der Feststellung getan, der Text im Lied sei ihm eine - wenn auch wichtige - Beigabe. Das hat wohl auch die nicht gerade leichten Aufgaben zur Folge, die er der Stimme mit Rücksicht auf die musikalische Formung zu stellen pflegt, heißt aber nicht, in sängerischen Problemen sei er unerfahren gewesen.

Schon früh machen ihn Bekanntschaft und Interesse mit den Dingen der Oper vertraut. Und er wird sein Leben lang alles, was sich auf diesem Gebiet begibt, mit größter Anteilnahme verfolgen. Nicht nur bei "Fidelio" oder der später mit Grillparzer versuchten "Melusine" stellt sich der Text als das erschwerende, im schlimmsten Fall den musikalischen Plan vereitelnde Element heraus. Anders verhält es sich bei Goethe, den er unter allen Dichtern am höchsten schätzt: "Ich werde gestimmt und aufgeregt zum Komponieren durch diese Sprache, die wie durch Geister zu höherer Ordnung sich aufbaut und das Geheimnis der Harmonien schon in sich trägt." Es mußte die Begeisterung sein, aus deren Brennpunkt ihm die Melodie kam. "Melodie ist das sinnliche Leben der Poesie. Wird nicht der geistige Inhalt eines Gedichtes zum sinnlichen Gefühl durch die Melodie?" Das war unerhört, und der alte Herr in Weimar stimmt solchem Freiheitsanspruch der Musik nur zögernd und gegen Dritte zu (Bettina Brentano). Die Bewunderer Beethovens Zelter und Reichardt, ebenfalls Vorkämpfer des Kunstliedes, deren Musik sich dem Text folienhaft bloß unterlegte, blieben weit zurück. Und erst in Schuberts Liedern erfüllte sich Beethovens Anspruch dann vollends.

Das Bedürfnis, sich vom Text nicht terrorisieren zu lassen, mag wohl auch die Bevorzugung gefühlsschwerer, oft der künstlerischen Formung entbehrender Gedichte erklären wie im Falle der neugeschaffenen Gattung des Liederzyklus an Hand geistlicher Gedichte von Gellert. Die noch größere Bedeutung des zweiten Liederkreises "An die entfernte Geliebte", "ohne Kunstgepräng" gedichtet von dem jungen Wiener Medicus Jeitteles, mag zwiefach begründet sein: durch seinen Ursprung in dem zentralen Liebeserlebnis mit der "unsterblichen Geliebten" und durch die Nachbarschaft zur Hammerklaviersonate op. 101. Eine neue Gattung und gleich ihr schönstes Beispiel trat auf den Plan. Zahllose Skizzen und Entwürfe bezeugen das Ringen um jede Einzelheit der endgültigen Form und des adäquaten Ausdrucks. Die Wiederaufnahme des ersten Themas vor der Schlußsteigerung versinnbildlicht auf sofort Schule machende Weise die Geschlossenheit des Ganzen. Dieses Stück voll persönlichsten Bekenntnisses lag Beethoven so am Herzen, daß er es noch als endgültig Taubgewordener häufig zur eigenen Begleitung sang.

In "An die Hoffnung" seines Freundes Tiedge weitet er den Liedcharakter zur Ariettenform mit vorangehendem Recitativo accompagnato, was später Felix Mottl zur Bearbeitung für Orchester anregte. Das Lied ist für die leidenschaftlich geliebte Josefine von Brunswick geschrieben, mit der die Anfänge der "Leonoren"-Komposition verbunden sind. Was Wunder also, wenn die "Hoffnung" ganz in zeitlicher wie geistiger Nähe der großen »Leonoren"-Arie sich bewegt. Der kleinen Kantate "Adelaide" mit langsamem und schnellem Satz ist zu gedenken, deren empfindungskräftige Sprache das damals von aller Welt verherrlichte Gedicht (auch Schubert schrieb eine Vertonung) in den Schatten stellt, wenn auch der sich stets von zurückliegenden Werken distanzierende Beethoven im Alter bei Erwähnung des Liedes nur antwortet: "Das Gedicht ist sehr schön."

Die Liebe zu Goethe nahm den jugendlichen wie den alternden Beethoven gefangen. Sehr spät wollte er noch den "Faust" vertonen. Mit Ausnahme der Jahre 1800-1807 hatte er stets Kompositionen oder Entwürfe in Arbeit, die sich mit Goethe befaßten. Leider blieb das meiste davon Skizze. "Es war einmal ein König", erfuhr häufige Ansätze, zuerst in Bonn. Man beachte den scherzhaften Fingersatz 1-1 bei der Sekundbewegung am Schluß, dem Klavierspieler die Bewegung des Flöhetötens mit dem Daumen aufzwingend. "Wonne der Wehmut" wurde der Fanny deI Rio geschenkt, die ihn sich sehnlich zum Mann wünschte. Es ging ihr ähnlich wie der Therese von Brunswick, er war nämlich jeweils in die Schwester verliebt, der Inhalt des Liedes mag der Empfängerin aus dem Herzen gesungen sein. Das mozartisch anmutende "Neue Liebe, neues Leben" weist eine Errungenschaft auf, die wie so vieles an diesen Liedern neu und originell war: zwei gegensätzliche Themen erweitern die Ausdrucksmöglichkeiten und schlagen die Brücke zur reinen Instrumentalmusik.

Diese Fußnoten sind einem Programm angefügt, das sich ganz dem Befreier und Türöffner für das deutsche Kunstlied verschreibt. Wenn auch der Materie Unkundige manchmal befürchten zu müssen glauben, es gehöre unverhältnismäßig viel Mut zu einer solchen Unternehmung, so muß ich dagegen fragen: Wer möchte den ganz besonderen Ton gelöstester Innigkeit beim Beethoven der Lieder missen, der ihm mit solcher Vielfarbigkeit in anderen Werken selten zu Gebote stand? Es kommt darauf an, auch diese Saite des Großen voll zum Klingen zu bringen.

 

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