11. Juni 2003, Neue Zürcher Zeitung

Vom Geist der Versöhnung

Die Ittinger Pfingstkonzerte 2003

Nur die Liebe habe ihn bisher vor dem Tod bewahrt, las Imre Kertész am Ende seines Essays über «Die exilierte Sprache». Poetisch und mit einer Klarheit sondergleichen reflektierte der Schriftsteller darin seine eigene Sprache, sein Denken nach dem Erleben von Auschwitz, Buchenwald, der kommunistischen Diktatur in Ungarn. Die Liebe ist zu spüren in seinem Nachdenken über Hass und Versöhnung. Das Publikum in der bis auf den letzten Platz besetzten «Remise» der Kartause Ittingen war von Kertész' Lesung berührt und gebannt.

Der Pianist András Schiff umrahmte sie mit Béla Bartóks Klaviersonate 1926 und Beethovens c-Moll-Sonate op. 111. Und wie! Die Inspiration des Künstlers wuchs gleichsam über sich selber hinaus. Nur an diesem Ort, zu diesem Zeitpunkt ist das so erlebbar; eine Ganzheit. Bartók zu Beginn: Gespielt mit enormem Gespür für die Energien dieser Musik, den Aufbau der Form und ganz durchdrungen von Emotion. Den letzten Satz, Allegro molto, liess Schiff gleichsam in den Saal hinein explodieren. Nach der Lesung dann Beethoven, so, dass man meinte, eine andere Musik, anders gespielt, könnte nach solchen Gedanken gar nicht möglich sein. Als im ersten Satz in der Reprise das Seitenthema in C-Dur wieder erschien und von Beethoven danach ausführlicher, durchführend, betrachtet wurde, waren sie wieder da, die Liebe, der Geist der Versöhnung. Und erneut waren die Zuhörenden an dem gedanklichen Ort, an den Kertész sie geführt hatte. Dann der zweite Satz, die Arietta mit ihren Variationen. Schiff spielte vergeistigt, heiter, klar und nahm sein Publikum in Ausdrucksbereiche mit, die nur erlesenen Augenblicken vorbehalten sind.

Die Ittinger Pfingstkonzerte, welche heuer zum neunten Mal stattfanden und von András Schiff und Heinz Holliger gemeinsam künstlerisch betreut werden, sind ein sehr besonderes Festival. Ereignisse wie das eben beschriebene sind in der Ittinger Intimität möglich. Anders als an den zahlreichen andern Kammermusik-Anlässen werden einem Programme geboten, welche den Charakter von Unikaten haben und einen Jahr für Jahr wieder neu anregen. Holliger, Schiff und ihr grosser Freundeskreis, der sich in der Kartause trifft, sorgen für Interpretationen auf allerhöchstem Niveau, welche im Gedächtnis bleiben. Die Thematik des diesjährigen Festivals war aktuell: Krieg - Rassismus - Friede. Kann Musik Stellung nehmen? Wut und Trauer, ein Aufschrei sind zu spüren in Karl Amadeus Hartmanns zweiter Klaviersonate «27. April 1945»; Dénes Várjon vermittelte dem Publikum Hartmanns verzweifelten Versuch, Unverarbeitbares künstlerisch zu bewältigen, mit einer physischen Präsenz ohnegleichen. Emotional, ausgesungen, zart erklangen Anton Weberns «Sechs Bagatellen» op. 9 für Streichquartett mit dem jährlich in Ittingen auftretenden Quartett von Gábor Takács-Nagy, Zoltán Tuska, Sándor Papp und Miklós Perényi. So ausgehört, wie sie selten zu erleben sind. Die vier umrahmten mit zwei Aufführungen der an Aussage so reichen Miniaturen Béla Bartóks Drittes Streichquartett. Und das erklang so, wie es wohl nur von ungarischen Streichern gespielt werden kann.

Die Thematik führte auch zur Begegnung mit Musik jener Komponisten aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, welche von Hitlers Schergen und Mitläufern zuerst totgeschwiegen, dann physisch getötet wurden. Erst gegen Ende der achtziger Jahre hat man wieder begonnen, sich an die Musik von Viktor Ullmann, Hans Krása, Gideon Klein oder Pavel Haas zu erinnern. Komponisten, die im Lager Theresienstadt ein Kulturleben aufrechtzuerhalten versuchten und dann nach Auschwitz deportiert wurden. Krásas «Brundibár» beispielsweise wurde gezeigt. Dietrich Fischer-Dieskau rezitierte - am Klavier begleitet von András Schiff - eines der letzten Werke Ullmanns, «Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke», ohne Ullmanns Kürzungen, mit grosser Stimme und einigem Pathos. Und er hatte tags darauf in Arnold Schönbergs «Ode an Napoleon Buonaparte» op. 41 (1942) für Streichquartett, Klavier und Sprecher mit einem Ensemble unter der Leitung Holligers Erstaunliches geleistet: eine musikalisch grossartige Aufführung. An Höhepunkten arm waren die letzten Tage des fünftägigen Festivals also gewiss nicht. Dafür sorgten auch die Streicher des Wiener Streichsextetts um den Geiger Erich Hörbarth und ihre Zuzüger mit Aufführungen, welche mit zum Feinsten gehörten, was diese Tage in Ittingen zu hören war. Etwa das Es-Dur- Oktett op. 20 von Felix Mendelssohn, das hinreissend gespielte Streichsextett Erwin Schulhoffs (1920/24) oder die Fassung für sieben Streicher von Richard Strauss' «Metamorphosen», welche mit einer bemerkenswerten Organik erklangen.

Alfred Zimmerlin

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