Mannheimer Morgen 15.10.2003

"In wenigen Jahrzehnten ist die Oper vielleicht tot"

INTERVIEW: Kammersänger Dietrich Fischer-Dieskau über das Kunstlied, die Kulturkrise und die neue Sprachlosigkeit

Dietrich Fischer-Dieskau (78) hat sich vor zehn Jahren vom öffentlichen Konzertbetrieb zurückgezogen. Der Kammersänger hält sich zurzeit in Heidelberg auf, wo er begabte junge Sänger und Sängerinnen in klassischem Liedgesang unterrichtet. Außerdem hat er eine Ausstellung mit eigenen Malereien eröffnet. Grund genug, den Sänger, Maler, Autor und auch Dirigenten Fischer-Dieskau zu einem Gespräch aufzusuchen.

Im Bereich der Populär-Musik werden die Stars zu Dutzenden aus der Retorte gezogen. Stimmt Sie das nachdenklich?

Natürlich. Doch die seriöse Musik lebt schon lange von den Erträgen der Populär-Musik.

Aber muss man nicht sehr viel an sich arbeiten, um ein guter Künstler zu werden?

Ja. Doch heute wird vor allem die Disziplin vernachlässigt. Und die Fähigkeit, sich selber kritisch zu beurteilen und an sich zu arbeiten. Auch ich lerne noch dazu, selbst von meinen Schülern.

Sie haben dem klassischen Kunstlied zu hoher Geltung verholfen. Welche Relevanz hat es heute überhaupt noch?

Die ursprüngliche Form des Kunstliedes wurde durch neuere Entwicklungen gesprengt. Seitdem kostet es sehr viel Mühe, das Lied irgendwie am Leben zu halten.

Lebt es denn noch?

So sehr wie die ernsthafte grosse Musik insgesamt. Und das ist zum Teil nicht mehr viel. Man kann nur hoffen, dass wir aus diesem tiefen Tal mal herauskommen. Die liegt immer wieder an einzelnen, fantasievollen Menschen. Das kann man nicht im Team erzeugen.

Lässt sich das Kunstlied als Protest gegen die Kulturkrise einsetzen?

Nein. Ursache der Krise ist vielmehr die Erschöpfung des musikalischen Materials. Wir können nicht mehr mit den gleichen Mitteln wie zu Schuberts Zeiten die seelischen Vorgänge, die sich in jedem Menschen bis heute abspielen, darstellen.

Eine neue Form von Sprachlosigkeit?

So ist es. Und darunter haben bereits viele Musiker gelitten. Gustav Mahler etwa. Woher soll man auch das Material hernehmen, etwas Zeitloses und zugleich Neues zu sagen.

Sie haben eine Biografie zum 100. Todestag von Hugo Wolf veröffentlicht. Hat das dem Komponisten genutzt?

Ich habe da nicht so viele Hoffnungen. Viele Sänger versuchen sich jetzt darin, aber man muss den ganzen Kerl wirklich verstanden und verdaut haben. Es muss ein nahes Verhältnis zu ihm entstanden sein.

Sie sind seit zehn Jahren als Sänger nicht mehr aktiv. Was vermissen Sie seither?

Natürlich die Bühne. Ich habe dort unglaubliche Erlebnisse gehabt. Als ich aufhörte, fingen die Verrücktheiten auf der Opernbühne gerade an. Ich möchte nicht zu denen gehören, die sagen, früher sei alles besser gewesen. Aber ich glaube schon, dass sich die Oper auf einem Abwärtstrend befindet. In wenigen Jahrzehnten ist sie vielleicht tot.

Das klingt sehr pessimistisch...

Es liegt nicht nur an dien Finanzen, wie heute immer behauptet wird. Man kann auch mit wenig Geld Vieles, Besseres machen. Das Wichtigste ist, sich nicht selbst zu wichtig zu nehmen und das Stück als solches realisieren zu wollen. Man soll ihm keinen Narrenmantel umhängen, der den Sinn verkehrt, den Stil nicht berücksichtigt, der den Eindruck völlig verfälscht, so dass sich keine Maßstäbe mehr bilden können.

Aber wie soll Oper für ein modernes Publikum inszeniert werden?

Man sollte erst einmal zurückkehren, das Stück aufzuführen, in bester Qualität, mit guten Stimmen, die nicht durch Regie-Einfälle am Singen gehindert werden, anstatt, wie in Bayreuth, nur noch einzelne Töne zu brüllen. Das würde sich der Meister verbitten, aber wie!

Aber man kann doch eine Oper nicht 150 Mal gleich inszenieren...

Das Werk besteht, und es soll auch bestehen bleiben, sofern es wert ist, dass man sich seiner erinnert. Wenn es so ist, dann hat man Ehrfurcht zu haben. Wenn man was Neues machen will, soll man eben neue Stoffe nehmen.

Wie hoch schätzen Sie die Bereitschaft hierzu ein?

Ich habe so viele Karrieren erlebt, Laufbahnen, in denen das Feuer erloschen ist, in denen nur noch etwas abgeliefert wird, um etwas zu verdienen. Das ist sehr bedauerlich.

© Mannheimer Morgen 15.10.2003 Uwe Rauschelbach


Rhein-Neckar-Zeitung 15.10.2003

"Es fehlt der Glanz der Aufführungen"

Dietrich Fischer-Dieskau äußert sich über Heidelberg, Berlin und gegenwärtige kulturelle Trends

Schon in der Grundschule bescheinigte ihm ein Lehrer die Stimme eines Engels, später, proportional zu seiner anwachsenden Berühmtheit, nahm das Lob zu. Als "Erzvater des Kunstliedes" wurder er gefeiert, Leonard Bernstein sah in ihm den größten Sänger des Jahrhunderts, und die von ihm verehrte Kollegin Elisabeth Schwarzkopf apostrophierte ihn als "Gott, dem alles geschenkt wurde".

Dietrich Fischer-Dieskau hat mit seiner Sangeskunst, vor allem mit dem Liedgesang, in dem er dem Wort die gleiche Aufmerksamkeit schenkte wie der Musik und damit einen weiten Ausdruckskosmos ausleuchtete, mehrere Generationen von Anhängern bereichert und geprägt. Mit seinem weichen Melos, seiner reichen Stimme hat der begnadete Bariton die Musikfreunde in aller Welt begeistert: Beim einen war es die "Winterreise", die ihn das ganze Leben über begleitete, bei anderen ist es eher der "Schwanengesang", oder "Die schöne Müllerin". Franz Schubert stand für den intellektuellen Musiker stets im Mittelpunkt.

Zurzeit hält sich Dietrich Fischer-Dieskau anlässlich eines von ihm geleiteten Meisterkurses in Heidelberg auf. Wir trafen uns zu einem Gespräch mit dem Opern- und Lieder-Sänger, der 1982 von der Bühne Abschied nahm und zehn Jahre später seinen letzten Liederabend gab, der sich als Dirigent Meriten erwarb und noch heute häufig in dieser Eigenschaft auftritt, der als Maler Aufmerksamkeit verdient (gegenwärtig ist eine Auswahl seiner Bilder in der Heidelberger Galerie Melnikow zu sehen), der als Rezitator gefragt und Autor zahlreicher Bücher ist. Zuletzt erschienen seine Zelter-Biografie und ein Buch über Hugo Wolf. Nebenher wirkt der viel beschäftigte Künstler noch als Pädagoge, an der Hochschule in Berlin und in Meisterkursen wie jetzt in Heidelberg.

Dietrich Fischer-Dieskau, 1925 in Berlin geboren, ist mit Heidelberg eng verbunden: Seine erst, früh verstorbene Frau Irmela, Mutter seiner drei Söhne, war die Nichte des Heidelberger Bachchor-Leiters Hermann Meinhard Poppen, der noch viele Ämter mehr hatte. Unter Leitung des angeheirateten Onkels hatte der Sänger seinen ersten Auftritt überhaupt, mit Max Regers "Einsiedler" 1947 im Schlosshof. Er erinnert sich, dass an diesem Konzert die Witwe des Komponisten teilnahm, der eng mit dem Hause Poppen verbunden war. Viele weitere Konzerte folgten mit den Bach-Passionen oder dem Brahms-Requiem. 1949 trat der Bariton als Bauer in den Gurre-Liedern in der Stadthalle auf.

"Seit damals war ich fast jedes Jahr in Heidelberg" sagt der Künstler, der Bruno Penzien, den späteren Kantor an Heiliggeist, als Soldat im Krieg kennen lernte. Fischer-Dieskau wurde "aus einem Erdloch bei Bologna" geholt, um mit diesem "Musikmenschen" zu musizieren, zum Beispiel Schuberts "Erlkönig". Die Musik betrieb er also auch als Landser, er spielte Klavier und rezitierte, und in amerikanischer Gefangenschaft mit der Aufschrift "POW" (Prisoner of War) auf dem Rücken beglückte er die Kameraden mit seinem Vortrag der "Winterreise". Es gibt noch Zeitzeugen, die sich an diesen Auftritt erinnern. Auch Wolfgang Fortner hatte Dieskau kennen gelernt. Er besuchte ihn in seinem Haus auf dem Kohlhof und hat die feuchte Aussprache und das nicht unbedingt makellose Klavierspiel des Komponisten noch gut im Gedächtnis.

Der Sänger ist Berliner und fühlt sich auch so. Ob seine Disziplin, die er als unverzichtbar für einen Musiker betrachtet, aber nun eine "preußische" zu nennen ist, bezweifelt er, obwohl sich in seiner Familie, die bis in die Zeiten Karls des Großen zurückzuverfolgen ist, viele hohe Militärs finden. Seine Großmutter väterlicherseits war eine "von Dieskau". Ihren Mädchennamen fügte der Vater des Sängers seinem Namen Fischer an, "weil es so viele Fischers gibt". Die gegenwärtige Entwicklung in seiner Geburtsstadt betrachtet der Sänger skeptisch. Nach seiner Prognose wird es noch lange dauern, bis Ost und West zusammenwachsen, und auf dem Opernsektor werde "derselbe Blödsinn vom Westen jetzt im Osten" fortgesetzt, denn "Die jetzt am Ruder sind, haben keine Ahnung vom Tuten und Blasen".

Kritisch äußert er sich auch über andere kulturelle Trends unserer Zeit, über Talk-Shows oder ihm missliebige Crossovers zwischen "U- und E-Musik". Unsere Frage, ob er sich vorstellen könne (etwa wie die Kollegin Montserrat Caballé, die gemeinsam mit Fredy Mercury auf der Bühne stand), vielleicht zusammen mit der sexy Geigerin Vanessa Mae aufzutreten, quittiert er mit einem ebenso fröhlichen wie ablehnenden Lachen. Wer Fischer-Dieskaus Gedankenwelt kennt, wundert sich auch nicht über seine Vorbehalte gegenüber der heute gängigen Überschätzung der Regie. "Es gibt kein Ensemble, das solidarisch genug ist, sich bei den Proben zu weigern", bedauert der Sänger, der weiß, dass er sich mit solchen Äußerungen bei einigen den Vorwurf einer "altmodischen Auffassung" einhandelt. "Die Stücke sind reich genug auch ohne gewaltsame Eingriffe". Der Oper prophezeit er ein baldiges Ende, wenn es so weitergeht, denn "es geschehen gesangsfeindliche Dinge auf der Bühne". Für Musikfreunde, die bei kramphaft aktualisierten Inszenierungen die Augen schließen, hat er Verständnis. Auch für Einsparungen auf dem Kultursektor, denn "Geld ist nicht alles. Begabung und Talent sind ausschlaggebend für den Schauspieler wie für den Sänger".

Fischer-Dieskau zum Sänger-Nachwuchs: "Es wären mehr gute Sänger da, wenn man sie animieren würde". Er präzisiert: "Es fehlt das Vorbild, der Glanz der Aufführungen". Heute wird dem Agenten vorgesungen, nicht mehr dem Dirigenten, wie das früher der Brauch war.

Dietrich Fischer-Dieskau, ein profunder Kenner der Literatur - vor allem mit Goethes Verhältnis zur Musik hat er sich eingehend beschäftigt - fand selbst Eingang in die Bücherwelt. So lässt Patricia Highsmith ihren Protagonisten Tom Ripley Schalplatten des Sängers sammeln, und in Max Frischs Roman "Mein Name sei Gantenbein" äußert sich eine Figur lobend über Fischer-Dieskaus "Don Giovanni"-Aufnahme. Der Bariton, seit rund dreißig Jahren mit seiner gleichfalls weltberühmten Kollegin Julia Varady verheiratet, ist vom Schicksal begünstigt, von Bewunderern verwöhnt. Besteht da die Gefahr des Abgehobenseins? Da mag er nicht widersprechen, meint aber, dass in diese "anderen", nicht unbedingt höheren Regionen auch das Leben anderer Menschen hineinreichen sollte. Der vielfach ausgezeichnete Kammersänger und Professor, dem die Heidelberger Universität im Goethe-Jahr 1999 den Ehrendoktortitel verlieh, ist besonders stolz auf den Premium Imperiale, "den Nobelpreis den Fernen Ostens", der ihm vor einem halben Jahr vom japanischen Kaiser überreicht wurde.

Fischer-Dieskau sitzt zurzeit an einem neuen Buch-Projekt und wird Anfang nächsten Jahres ein Schumann-Programm in Bonn und ein Brahms-Konzert in Berlin dirigieren. Die Schaffenskraft des 78-Jährigen ist demnach ungebrochen: "Ganz aufhören werde ich erst, wenn ich tot bin".

© Rhein-Neckar-Zeitung 15.10.2003 Heide Seele

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