Ein Bild von einem Berliner

Das Porträt des Sängers Dietrich Fischer-Dieskau schmückt nun die Galerie der Ehrenbürger. Er hat sich sogar wiedererkannt Von Ulrich Zawatka-Gerlach (Tagesspiegel 01.02.2005)

Bevor er in den Festsaal schreitet, nimmt sich Dietrich Fischer-Dieskau ein paar Minuten Zeit, um die Porträts der anderen Ehrenbürger zu studieren. In der Galerie des Berliner Parlaments, wo er bald selbst zu sehen sein wird. Den Kunstsammler Heinz Berggruen, „nein, den hätte ich auf dem Bild nicht erkannt“. So kann es einem gehen, wenn man ehrenhalber ausgestellt wird.

Eine halbe Stunde später an diesem Montag ist Fischer-Dieskaus Porträt enthüllt. Der Abgeordnetenhauspräsident Walter Momper muss sich ein bisschen recken, um das weiße Tuch gemeinsam mit dem großen Sänger von der Staffelei zu reißen. Der Ehrenbürger schaut nicht einmal genau hin, er kennt das Ölbild ja schon zur Genüge. Aber er ist vergnügt und zitiert den Sängerkollegen Johann Nestroy, wenn auch nicht wortgetreu: „Wenn alle Stricke reißen, dann möchte ich hier aufgehängt sein.“ Nämlich in der Ehrenbürgergalerie des Abgeordnetenhauses. Auch der leibhaftige Berggruen, der zum kleinen Empfang im Landesparlament eingeladen war, applaudiert und erkennt, wie die anderen Gäste, den porträtierten Fischer-Dieskau auf Anhieb.

Der erzählt munter, in Gegenwart der Malerin Edda Grossmann von deren Bemühen, „deutend und illustrierend“ seine Persönlichkeit „mit all’ meinen Nebeninteressen“ einzufangen. Wobei er den Verdacht habe, so fügt der Sänger im Ruhestand hinzu, „dass im Nachhinein etwas nachgearbeitet wurde, um die Ähnlichkeit zu erhöhen“. In ihrer kurzen Replik lässt die Künstlerin erkennen, dass sie dies eher als Kompliment denn als Kritik versteht. Sie erklärt in Kürze den Schaffensprozess beim Malen eines Porträts und „dass man im Sehen fühlen und im Fühlen sehen kann“. Dann wird ein Gläschen Sekt getrunken.

Zuvor hatte der Parlamentspräsident Momper eine artige Laudatio gehalten auf den „Weltstar der Konzertsäle und Opernhäuser“, der aber niemals die Bodenhaftung verloren habe und immer ein Berliner geblieben sei. Der kleine Festakt, gestern Mittag im Abgeordnetenhaus, sei wohl eine der wenigen Enthüllungen, über die man sich in allen Fraktionen freue. Da lachten auch alle. Diese Enthüllung kam spät, aber nicht zu spät. Der Senat und das Parlament hatten Fischer-Dieskau die hohe Auszeichnung am 6. Dezember 2000 verliehen.

In diesem Jahr wird der 110. Ehrenbürger Berlins 80 Jahre; was man ihm wirklich nicht ansieht. „Ich hoffe“, sagt Fischer-Dieskau verschmitzt, „dass sich mein Porträt in der erlauchten Umgebung nicht unsicher fühlen wird.“ In den nächsten Tagen wird es fachgerecht angebracht. Schräg gegenüber, auf dem langen Flur der Ehrenbürgergalerie, hat ihn Hans-Dietrich Genscher fest im Blick. Und neben dem Neuling hängt, ein wenig kleiner, aber farblich und stilistisch passend – Heinz Berggruen.


Mit Porträt und Freifahrtschein (Tagesspiegel 01.02.2005)
Die Ehrenbürgergalerie 
Das Berliner Parlament ist ein offenes Haus und wer über die langen Flure          
der ersten Etage flaniert, kann sich 46 Ehrenbürger der Stadt anschauen.          
Gut gerahmt und meistens in Öl. Die Galerie des Abgeordnetenhauses, die          
gern besucht wird, repräsentiert also fast die Hälfte der nunmehr 109          
Ehrenbürger Berlins. Nur auf das Porträt des ehemaligen Bundeskanzlers          
Helmut Kohl wartet das Parlament nunmehr seit zwölf Jahren. Das inzwischen          
fertige Bild harrt immer noch seiner Enthüllung. Schwierig war es lange          
Zeit auch, an ein Bild des früheren US-Präsidenten Ronald Reagan zu kommen.          
Jeder Ehrenbürger hat das Recht, sich auf Kosten des Landes Berlin von          
einem Künstler seiner Wahl malen zu lassen. Im Jahresbudget des Parlaments          
stehen dafür 12 800 Euro zur Verfügung. 
Die Ehrenbürger 
Seit 1808 ernennt die Stadt Berlin bedeutende Persönlichkeiten zu Ehrenbürgern.          
Voraussetzung ist, dass sie sich um das Wohl Berlins „in hervorragender          
Weise“ verdient gemacht haben. Von allen Bundespräsidenten und Bundeskanzlern          
wird dies als gegeben vorausgesetzt. Seit Konrad Adenauer und Theodor          
Heuss erhielten die höchsten Amtsträger der Bundesrepublik Deutschland          
allesamt die Ehrenbürgerurkunde. Am 6. Juli 1813 wurde Conrad Gottlieb          
Ribbeck, Probst zu Berlin, der erste Ehrenbürger. In der Liste stehen          
zum Beispiel Alexander von Humboldt, Max Liebermann, Otto Hahn, Anna Seghers,          
Marlene Dietrich und Michael Gorbatschow. Lebende Ehrenbürger dürfen kostenlos          
mit der BVG fahren. Verstorbene Ehrenbürger haben das Recht auf ein Ehrengrab.za 

Weltstar der Musik und Ehrenbürger Berlins

Bei einem Empfang im Festsaal des Abgeordnetenhauses von Berlin hat Parlamentspräsident Walter Momper am Montag (31.1.) das Porträt des Berliner Ehrenbürgers Prof. Dr. h.c. mult. Dietrich Fischer-Dieskau der Öffentlichkeit vorgestellt. Das 116 x 130 cm große Gemälde (Öl auf Leinwand), das die Künstlerin Edda Grossmann geschaffen hat, kann in Kürze in der Ehrenbürgergalerie im Abgeordnetenhaus von jedermann besichtigt werden.

Bei der Zeremonie im Festsaal waren Dietrich Fischer-Dieskau, die Malerin Edda Grossmann, der Berliner Ehrenbürger Heinz Berggruen, Parlamentsvizepräsident Prof. Christoph Stölzl, die Kulturausschuss-Vorsitzende Alice Ströver und weitere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens anwesend.

Als Gastgeber würdigte der Präsident des Abgeordnetenhauses von Berlin, Walter Momper, den weltbekannten Sänger, Dirigenten, Musikpädagogen und Buchautor Dietrich Fischer-Dieskau als hervorragenden Botschafter der Musik und überzeugenden Botschafter Berlins, der auch als "Weltstar der Konzertsäle und Opernhäuser" seiner Heimatstadt immer die Treue gehalten habe. Ein Teil des Glanzes dieser Weltkarriere sei auch auf Berlin gefallen, "die Stadt, die globales Denken und Weltformat auf allen Gebieten immer brauchte und auch heute immer wieder braucht" , sagte Präsident Momper. "Wir sind stolz darauf, dass Sie unser Mitbürger und Ehrenbürger sind!" (Wortlaut der Ansprache in der Rubrik "Der Präsident/Reden").

Dietrich Fischer-Dieskau wurde am 6. Dezember 2000 von Abgeordnetenhaus und Senat zum 110. Ehrenbürger von Berlin ernannt. Der 1925 in Berlin geborene, weltweit gefeierte Sänger, Dirigent und Musikpädagoge begann seine Karriere als Sänger 1947. Damals sprang er ohne Probe für einen erkrankten Solisten bei einer Aufführung des "Deutschen Requiem" von Brahms ein. 1948 wurde er als erster lyrischer Bariton an die Städtische Oper Berlin verpflichtet. Anschließend führten ihn Gastspielverträge an die Wiener Staatsoper, das Münchner Nationaltheater, zu den Festspielen in Edinburgh, Bayreuth und Salzburg sowie 1964 erstmals in die New Yorker Carnegie Hall. Vom Magazin "Times" als "bester Liedersänger der Welt" bezeichnet, füllte Dietrich Fischer-Dieskau bis Ende 1992 alle Konzertsäle. 1993 stellte er nach mehr als 45 Jahren seine Konzerttätigkeit ein. Seither arbeitet er als Dirigent, Musikpädagoge und Buchautor.

Die Malerin Edda Grossmann, 1958 in Köln geboren, ist nach dem Studium an der damaligen Hochschule der Künste Berlin sowie Studienaufenthalten in Frankreich durch zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland bekannt geworden. Gegenwärtig lebt und arbeitet sie in Barcelona und Veckenstedt am Harz.


Abgeordnetenhaus, Festsaal 1 Enthüllung des Ehrenbürgerporträts von Dietrich Fischer-Dieskau Rede des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin, Walter Momper, bei der Enthüllung des Ehrenbürgerporträts von Dietrich Fischer-Dieskau am Montag, 31. Januar 2005, 14.00 Uhr (Festsaal) - Es gilt das gesprochene Wort -

Zu den guten Traditionen des Berliner Parlaments gehört es, die Ehrenbürger Berlins auch dadurch zu würdigen, dass ihr Porträt in die Ehrenbürgergalerie aufgenommen wird.

Bei einigen ging das sehr schnell, z.B. bei Ihnen, lieber Herr Professor Berggruen. Bei anderen - ich nenne hier keine Namen - dauert es viele Jahre, bis sie ins Atelier des Malers kommen, den sie selbst ausgewählt haben. Aber das nur am Rande.

Sehr verehrter Herr Professor Fischer-Dieskau, heute haben wir die große Freude, Ihr Porträt der Öffentlichkeit vorzustellen. Es wird in wenigen Tagen in der Ehrenbürgergalerie seinen Platz finden. Dort kann es von jedermann besichtigt werden, und ich bin sicher, dass das Interesse groß sein wird.

Ich freue mich sehr, dass bei der heutigen Zeremonie auch die Künstlerin anwesend ist, die das Gemälde - Öl auf Leinwand - geschaffen hat: Herzlich willkommen, Frau Edda Grossmann.

Mit der Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Prof. Dr. Dietrich Fischer-Dieskau hat Berlin eine Persönlichkeit von Weltruf und Weltrang geehrt. Rund um den Globus genießen Sie höchstes Ansehen. Sie waren und sind weltumspannend tätig - und doch sind Sie immer Berliner geblieben. Auch mit dieser Treue zu Berlin haben Sie in schweren Zeiten ein leuchtendes Beispiel gegeben. Sie waren ein hervorragender Botschafter der Musik und immer auch ein überzeugender Botschafter Berlins.

Herr Prof. Fischer-Dieskau, Sie waren jahrzehntelang - um diesen gängigen Begriff einmal zu verwenden - ein Weltstar der Konzertsäle und Opernhäuser, haben aber niemals die "Bodenhaftung" verloren. Sie haben ein leuchtendes Beispiel dafür gegeben, wie sich Genialität mit einer enormen Selbstdisziplin, mit Fleiß und größter Präzision verbinden kann. Ihr musikalisches Schaffen hatte und hat Weltformat.

Und immer wieder sind Sie nach Berlin zurückgekehrt, haben auf Berliner Bühnen gesungen und dirigiert. Sie brachten internationales Flair in das damalige West-Berlin, das in seiner Insellage auf geistige und kulturelle Impulse von außen angewiesen war.

Ihre Karriere hatte 1947 begonnen, als Sie ohne Probe für einen erkrankten Solisten im "Deutschen Requiem" von Brahms einspringen mussten. 1948 wurden Sie an die Städtische Oper Berlin verpflichtet, danach an die Wiener und die Münchner Staatsoper. Dann folgten Auslandsgastspiele, 1950 das Debüt an der Mailänder Scala. Danach: Edinburgh, Bayreuth, Salzburg, die Londoner Covent Garden Opera und die New Yorker Carnegie Hall.

Die Weltkarriere hatte begonnen: überschwängliche Begeisterung überall, höchstes Lob beim Publikum und bei den Kritikern. Jahrzehnte hindurch haben Musikfreunde in der ganzen Welt das deutsche Lied mit Ihrem Namen verbunden. Die internationale Fachkritik attestierte Ihnen zu Recht, die "Jahrhundertstimme" und "der beste Liedersänger der Welt" zu sein. Begeisterung, Applaus, Standing Ovations, wo immer Sie gastierten.

Ein amerikanischer Schriftsteller hat einmal gesagt, die Musik sei die gemeinsame Sprache der Menschheit. Sie, Herr Prof. Fischer-Dieskau, haben bewiesen, wie ausdrucksvoll, überzeugend und verbindend die Musik als Sprache sein kann. Sie sind überall in der Welt verstanden worden.

Ein beträchtlicher Teil des Glanzes Ihrer Weltkarriere ist auch auf Berlin gefallen: eine Stadt, die globales Denken und Weltformat auf allen Gebieten immer brauchte und - auch heute immer wieder braucht. Berlin hat Sie 1993 mit der Ernst-Reuter-Plakette ausgezeichnet. Am 6. Dezember 2000 haben Abgeordnetenhaus und Senat Ihnen die Ehrenbürgerwürde unserer Stadt verliehen.

Wir bewundern den Sänger und Dirigenten von Weltrang, den international hoch angesehenen Musikpädagogen und Buchautor Dietrich Fischer-Dieskau. Wir sind stolz darauf, dass Sie unser Mitbürger sind.

Und nun gibt es hier im Parlament eine der wenigen "Enthüllungen", über die man sich in allen Fraktionen freut.

zurück zu NEWS