Artikel aus der Marbacher Zeitung (Stuttgarter Nachrichten)
vom 02.10.2006
 


"Ein Talent speist das andere"
 
Sänger und Dirigent Dietrich Fischer-Dieskau stellt sein neuestes Buch "Goethe als Intendant" vor
 
Marbach. Die unbekanntere Seite des Johann Wolfgang von Goethe, nämlich die des leidenschaftlichen Theaterintendanten, leuchtet Dietrich Fischer-Dieskau in seinem neuesten Werk aus. Am Freitag hat der Musiker, Rezitator, Autor und Dirigent das druckfrische Buch vorgestellt.

Von Andrea Opitz

Um seine Energie und seinen Einfallsreichtum beneide ihn sein Publikum, stellt Marcel Lepper vom Deutschen Literaturarchiv den vielseitigen Autor Dietrich Fischer-Dieskau vor. Seine Sängerkarriere startete der heute 81-jährige Künstler in den 50er Jahren. Er zählt zu den großen Musikinterpreten des 20. Jahrhunderts. Seit 1993 tritt er nicht mehr aktiv als Baritonsänger auf. Seine Vielseitigkeit zeigte Fischer-Dieskau als Dirigent, Regisseur, Lehrer, Schriftsteller und Maler.

"Ein Talent speist das andere", sagt der bekannte Künstler. Das Bücherschreiben ist für ihn eine besondere Passion. Insgesamt 13 Werke hat er bislang verfasst, darunter drei Biografien. Sein großes Vorbild sei Virginia Woolf. Dem Thema Philosophie hat er sich genauso gewidmet wie seiner Lieblingsmaterie, der Musik. "Ich lege mich nicht fest", betont Dietrich Fischer-Dieskau.

Im Humboldtsaal des Deutschen Literaturarchivs begeistert er als brillanter Vorleser. Mit seiner gehaltvollen Baritonstimme stellt Fischer-Dieskau dem Publikum zwei Kapitel seines knapp 500 Seiten umfassenden Werks "Goethe als Intendant - Theaterleidenschaften im klassischen Weimar" vor.

Die Buchpräsentation ist lehrreich und unterhaltsam zugleich. Mit verschmitztem Lächeln beschreibt der Autor die Passion Johann Wolfgang von Goethes, der sich zwischen 1791 bis 1817 als Musikpädagoge sieht, sein Publikum jedoch erst noch erziehen muss. Anders als der aktive Theatermann würde sich Fischer-Dieskau niemals auf einem Ohrensessel im Publikum niederlassen, um zu rufen: "Man lache nicht".

Der Goethekenner und -liebhaber beschreibt den Weg des Frankfurter Bürgersohnes, Jungadvokaten und umjubelten Werther-Dichters, der seine Theaterleidenschaft in Weimar als Intendant ausgelebt hat. Zusammen mit seinem Freund Friedrich Schiller hat Goethe das Weimarer Hoftheater zu einem der bedeutendsten Bühnen seiner Zeit aufgebaut.

"Durch eine Aufführung lernt man sein eigenes Stück erst richtig kennen. Es ist besser, als ich es schrieb", soll Goethe gesagt haben, und "Verse wollen nicht gesprochen sondern durchlebt sein".

 

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